Berichte Pflegernder Angehöriger

Bericht 1 :

Ich habe sieben Jahre einen alten Mann gepflegt, der im Oktober 2020 leider verstorben ist. Nun pflege ich seinen besten Freund(92 und Dement), da die Familie sich das gewünscht hat. Heute berichte ich aber über meine Zeit mit meinem zu Pflegenden KuNo.
(Der Bericht ist in der Gegenwartsform geschrieben)

Sein Kurzname ist KuNo. Er ist 78 Jahre alt und war vor vielen Jahren mein Grafiker. Wir hatten seiner Zeit mehrere Kiezzeitungen zu produzieren und für Satz und Grafik war KuNo zuständig. Ich war die Redakteurin der kleinen Blätter. KuNo machte den Job auch im Rentenalter noch, da seine Rente nicht ausreichte. Er ist Diabetiker und hat zusätzlich zwei DIN A 4 Seiten weitere, schwere Krankheiten. Irgendwann stellte er seine Zuarbeit ein, weil es gesundheitlich nicht mehr ging. Eines Tages rief er mich an und fragte ob ich ihm „mal helfen könnte“…. Aus diesem einen Mal sind fast sieben Jahre geworden. Mittlerweile sitzt er im Rollstuhl und kann NUR noch zuhause leben weil ich die komplette Alltagshilfe übernommen habe. KuNo hat keine Angehörigen, außer seiner Tochter, die entfernt lebt und sich seit 10 Jahren keine Sekunde mehr um ihren Vater kümmern konnte. In einer Reha die KuNo hatte, war der Wohnort der Tochter 10 Min zu Fuß entfernt. Sie ist leider NICHT gekommen. Keiner fragt wie es ihm geht. Ich will damit sagen, es gibt viele zu Pflegende die von Nachbarn, Bekannten und oder Freunden betreut werden, um nicht im Pflegeheim zu landen.

Mein Leben steht mittlerweile „auf dem Kopf“, denn ich muss für KuNo und den Johanniter-Notruf 24 Std/ 7 Tage die Woche erreichbar sein. Ich wohne 13 km von KuNo entfernt und es gab einige Notsituationen wo ich mit sehr überhöhter Geschwindigkeit zu ihm gefahren bin, auf Notärzte, Krankenwagen usw. gewartet habe und auch nachts seinen Koffer für das Krankenhaus gepackt habe. Manchmal klingelt es um 3 oder 4 Uhr nachts. Manchmal Sonntagmorgen um 6 Uhr.

Als er noch etwas mehr rauskonnte, da habe ich ihn des Öfteren nach Stralsund gefahren, seiner Heimatstadt. Dort wohnten wir dann in einem Pflegeheim und ich in dem gleichen Zimmer auf einem unbequemen Sofa. Denn ICH musste ja meine Fahrt und Unterkunft selbst zahlen da er bei Pflegegrad 2 keine Mittel für eine Begleitperson erhielt. Ein Hotelzimmer wäre also nicht bezahlbar gewesen. Ich habe ihn dann rund um die Uhr betreut. Zum Frühstück rollen, ins Auto und überall hinfahren wo er gern hinwollte. Schuhe an aus etc. Wenn wir wieder in Berlin waren, war ich total ko.
In Berlin bin ich, wenn keine Not gerade ist, vier Tage die Woche bei ihm für 3-7 Std je nachdem was gemacht werden muss. Jeden Donnerstag schiebe ich dieses nette Schwergewicht von 200 kg zur Straße, hieve seine Beine ins Taxi, an der Charité wieder aus dem Taxi und zur Endokrinologie und nach dem Abschälen seiner teilamputierten Füße geht es umgekehrt wieder Heim.
Ich mache den kompletten Haushalt, wenn ich dort bin das Essen, ich erledige alle Wege. Da er viel im Internet bestellt, was er so braucht, muss ich oft schwere Pakete von der zwei Kilometer entfernten Post abholen. Zu Fuß, denn Parkplätze kosten in Mitte viel Geld, dass wir nicht haben.

Ich repariere seinen PC, richte alles behindertengerecht ein, erledige sämtlichen Schriftverkehr, Post, Bank, einfach alles was ich für mich ja auch noch erledigen muss.

Zuletzt war er wieder im Krankenhaus welches über 40 km von meinem Wohnort entfernt lag. Ständig (was normal ist) brauchte er etwas von zuhause. So fuhr ich zwei Wochen lang jeden Tag bis Mitte zu seiner Wohnung und dann ins Krankenhaus. Insgesamt jeden Tag 83 km auf meine eigenen Kosten. Da er schwergewichtig ist, musste er das Krankenhaus für Zusatzuntersuchungen, Zeitweise wechseln und da der Krankenwagen seine Sachen und Rollstuhl nicht mitnahm, musste ich alles abholen, in mein kleines Auto und dort hinbringen. Genauso dann wieder zurück.

Bei der Einlieferung und den ganzen Untersuchungen wurde ich VOLL eingespannt vom Krankenhaus. Ich schob ihn mit dem Rollstuhl zu den Untersuchungen und als es ihm noch schlechter ging, schob ich dann das Bett zu den Untersuchungen. Ich zog ihn aus, achtete auf seinen Zucker usw. Die Angestellten dort bekommen dafür Geld. Ich war an dem Tag 10 Std. im Krankenhaus.

Als er mal in der Reha war, fuhr ich jeden zweiten Tag (da hatte ich noch einen Job) nach der Arbeit nach Rüdersdorf, wusch seine Wäsche im Waschsalon, trocknete sie und brachte sie zurück auf Zimmer. In der Zeit war ich immer erst zwischen 23 oder sogar null Uhr daheim. Alles auf meine Kosten.

Seit mehr als einem Jahr ist der Pflegeaufwand so hoch, dass ich meinen Job aufgab und nun von SGBII leben muss. Es ist nicht mehr mit einem Job vereinbar, weil er tagsüber am meisten Hilfe braucht und ich nachts auf Abruf stehe. Ich habe alle Vollmachten und bin als Hauptpflegeperson eingetragen. Geld bekomme ich dafür nicht. Ich trage von meinem kleinen Budget alle Kosten selbst. 2,5 Jahre kämpften wir für einen höheren Pflegegrad, da er 100% Behinderung hat. Der MDK und die Kasse lehnen die Höherstufung ab. Er kann noch 3-5 m laufen, er kann nichts mehr vom Boden heben und er braucht mehr als 5 min um aufzustehen. Ein höherer Pflegegrad bedeutet auch bessere Hilfsmittel, wie Aufstehhilfe etc. Auf einen neuen Rollstuhl mit Schiebehilfe warten wir seit einem Jahr. Es wäre auch noch wichtig, weil KuNo dann besseres Pflegegeld bekäme, was er mir für meinen finanziellen Aufwand weiterreichen würde, da es keine andere, finanzielle Unterstützung für mich gibt.

Wenn ich mal eine Woche wegfahre muss ich Freunde und Bekannte, mit Vollzeitjob, mit KuNo belasten. Meine Gesundheit lässt auch nach. Ich habe Rückenschmerzen, die Füße tun weh und ich schlafe sehr schlecht. Ende November 2019 hatte ich einen Unfall bei KuNo. Ich bin beim Aufheben von etwas Wichtigem mit dem Kopf gegen die Wand geknallt. Also beim Bücken. Dabei sind meine Zähne aufeinandergeschlagen und abgebrochen, gesplittert usw. Ich habe es meiner KK gemeldet. Mein Hausarzt meinte ich hätte zu einem Durchgangsarzt gemusst. Entschuldigung, ich wusste NICHT was ein Durchgangsarzt ist. Dann wollte ich zum Zahnarzt, aber ich hatte bis März 2020 KEINE Zeit hinzugehen, denn wenn ich gehe, dann ist das eine Mammutbehandlung und ich bin Minimum ein bis zwei Wochen selber krank. Leider hat KuNo gerade SO viele Termine, dass Arzttermine von mir selbst nicht machbar sind.
KuNo ist im Oktober 2020 leider an Covid 19 verstorben.

Ich habe Anfang der 2000‘ er auch meine schwerkranke Mutter gepflegt und bin das letzte Jahr zwischen Berlin und Hannover gependelt, bis sie verstarb. Für viele, dieser Engagements habe ich 2019 den Pflegebären von Fr. Ministerin Dr. Giffey überreicht bekommen. Darauf bin ich sehr stolz, doch ein Tag der Beachtung meiner und aller pflegenden ist nicht genug.
Mit dem Pflegebären bin ich nun Repräsentantin aller pflegenden Bekannten, was mich dazu veranlasste den Verein „wir pflegen“ tatkräftig zu unterstützen und da mitzuhelfen, die Bedingungen für uns privat Pflegende zu verbessern. Wir, „der größte Pflegedienst der Nation“, so Spahn, brauchen endlich Unterstützung. Ich engagiere mich im Verein, für alle, damit wir endlich auf eine faire Weise finanzielle Unterstützung erhalten und wir in den Urlaub können wie alle anderen, arbeitenden Menschen auch. Meine Mitstreiter und sachkundigen Kolleg*innen erläutern ihnen gern, auf Nachfrage, wie das möglich werden kann, dass pflegende Angehörige und Bekannte endlich die Unterstützung erhalten, die sie verdienen.

Autorin: Amina Runge

Anschrift Berlin

wir pflegen - Interessenvertretung u. Selbsthilfe pflegender Angehöriger in Berlin e.V.

Alt-Moabit 91
10559 Berlin

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